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Beim Tag der offenen Türe am 1. August 2010 war auf der Anlage der  "Bioenergie Wollbrandshausen-Krebeck e.G." richtig was los:

Am ersten August- Sonntag wurde bei uns zu Hause nicht, wie sonst üblich, über das nachmittägliche Freizeitprogramm diskutiert. Nö, denn dieses wurde ja diesmal auf unserer Biogasanlage geboten. Also radelten oder wanderten wir (ganz Bio: das Auto wurde (fast) keines Blickes gewürdigt) zur B27 hinaus. Dort begann ab 14 Uhr ein Tag der offenen Tür und das versprach (wie stets) interessant zu werden.

 


 

Schon am Eingangszaun der Biogasanlage prangte uns das brandneue LOGO unserer Genossenschaft verheißungsvoll entgegen.

Und nachdem die Räder abgestellt, das erste Getränk genossen waren, ging's schon los!

Aufsichtsratsvorsitzender Josef Sorhage und Vorstand Karl Heine begrüßten unsere Gäste, berichteten zusammengefasst vom Werdegang des Biogasprojektes von 2006 bis heute und stellten die Anlage und deren Dimensionen kurz vor (wer sich im Nachgang dazu informieren möchte, findet hierzu unter "Bioenergiedörfer"  Informationen).

Josef Sorhage und Karl Heine freuen sich über das offensichtlich große Interesse.

Der Tag der offenen Türe fand großes Interesse. Den ganzen Nachmittag war Bewegung auf dem Biogasgelände und ein beständiges Kommen und Gehen von zahlreichen heimischen und auswärtigen Gästen.

Die beiden Gärstrecken der Biogasanlage bestehen jeweils aus einem Haupt- und einem Nachgärungsfermenter, wurde dabei erklärt. Vorgeschaltet sind die 8.000 m2 riesigen Fahrsilos sowie eine Güllevorgrube. Nachgeschaltet sind drei Gärrestelager und ein Behälter für Sickersaft und Schmutzwasser. Zur zentral zwischen Wollbrandshausen und Krebeck gelegenen Anlage gehört außerdem das Betriebsgebäude mit dem Blockheizkraftwerk (BHKW) der Anlage und der davor befindlichen Wiegestation, erfuhren auswärtige Besucher.

Weitere Details wurden dann bei den von Josef Sorhage, Karl Heine und Klaus Wibusch, dem Anlagenleiter, geführten Besichtigungen der Biogasanlage mitgeteilt. Natürlich war ich als rasende Reporterin mit meiner Kamera mal wieder mitten drin (Ehrensache).

Bei den Fahrsilos ging es los. Sie enthalten, so erfuhren wir, 25.000 t Häckselmais und Ganzpflanzensilage, was dem Jahresbedarf entspricht.

Besuchergruppe mit Josef Sorhage bei den Fahrsilos

Davon werden täglich 60 t an zwei Vielfraße verfüttert. Nein, wir sind hier nicht im Zoo, obwohl es sich so anhöhrt - die sog. "Vielfraße" sind die Materialzufuhrstationen der beiden Gärstrecken. Nichts desdo trotz sollten diese  zu einem späteren Zeitpunkt des Nachmittags spektakulär gefüttert werden (also doch ein wenig wie im Zoo ?).

Karl Heine und seine Gäste verwegen Auge in Auge mit einem Viefraß?

Die Biogasanlage präsentierte sich aufgeblasen, was in keiner Weise unrespektabel gemeint ist - Biogasanlagen tun so etwas gerne. Am liebsten mögen wir es, wenn sie sich mit einem Methan-reichen Gasgemisch aufblasen. Der Methangehalt des in unserer Anlage erzeugten Gases beträgt etwa 56 %.

Fermenter mit prall gasgefülltem "Biolene"-Gummidach 
(Collage aus 2 Bildern, "Biolene": Warenzeichen der Firma AgriKomb)

Nun wird es aber Zeit, dass ich hier einmal die Millionen von Arbeitskräften vorstelle, die die eigentliche Arbeit einer Biogasanlage verrichten und das ohne Lohn und Gewerkschaft. Wo? Na in den Fermentern natürlich! Dort bauen Mikroorganismen das Gemenge aus Mais- und Grünpflanzensilage sowie Gülle schrittweise zu Biogas ab. Dabei erfolgt der Abbau des Ausgangsmaterials (Fette, Proteine, langkettige Kohlenhydrate) in 4 Schritten:

  1. Hydrolyse (Verflüssigung bzw. Abspaltung von Wasser),
  2. Acidogenese (vergärung und Säurebildung (z.B. Butter- und Propionsäure) sowie Bildung kurzkettiger Kohlenhydrate (Zucker) und Alkohol),
  3. Acetogenese (Bildung von Essigsäure, Wasserstoff und Kohlenstoffdioxid)
  4. Methanogenese (Bildung des Energie liefernden Biogasgemisches aus Methan, Wasserstoff, Kohlenstoffdioxid und Dihydrogensulfid (letzteres bildet Kristalle an der unter der "Gummihaube" verborgenen, durchlässigen Holzbalkendecke der Fermenter und wird so dem Prozess entzogen)).

Da Mikroorganismen, wie wir Menschen auch, bei angenehmen und motivierenden Arbeitsbedingungen (nicht zu heiß und nicht zu kalt, nicht mehr Arbeit, als zu schaffen ist, keine Störungen, kein durch Antibiotika, Spritzmittel und andere Quertreiber vergiftetes Arbeitsklima) am gründlichsten arbeiten und die besten Produktionsergebnisse präsentieren können, kommt einer geschickten "Betriebsleitung" bzw. einer gut kontrollierten Anlagenführung große Bedeutung zu. Klar.

Eine Besuchergruppe mit Josef Sorhage auf dem Weg ...

... ins Innere der Schaltzentrale zwischen den Fermentern.

Inzwischen macht Betriebsleiter Klaus Wibusch bereits mit den nächsten Wissbegierigen die Runde über das Gelände der Biogasanlage.

Klaus Wibusch inmitten einer großen Besuchergruppe.

Damit es keine Unfälle gibt, weil zu viele Besucher gleichzeitig auf das Betriebsgelände drängen, kümmerte sich der Chef des Sicherheitsdienstes aus Esplingerode, Arnold Wüstefeld, selbst freundlich, aber bestimmt um einen geordneten Zu- und Abfluss des zu den Führungen drängenden, großen Besucherstromes. So gut vorbereitet hat bei unserer sonntäglichen "Biogas-Parade" alles reibungslos und ohne Probleme geklappt !

Arnold Wüstefeld (3. Erwachsener von links, mit weißem Gehstock) kümmert sich um die Sicherheit aller Personen auf dem Gelände.

Für diejenigen, die schon fertig oder noch nicht dran waren und für alle anderen bot die Lauseberger Big-Band musikalische Unterhaltung vom Feinsten. Auch für das leibliche Wohl war mit Würstchen, Pommes, Kaffee oder Kuchen sowie Getränken bestens durch heimische Betriebe gesorgt.

Die Lauseberger Bigband spielt schmissig auf.

Für Kinder gab es ein vielseitiges Begleitprogramm. Unsere jungen Gäste konnten sich natürlich die Biogasanlage anschauen (was auch viele gemacht haben). Aber sie konnten auch malen, Stockbrot backen und an einem Luftballonwettbewerb teilnehmen.

Meinen jüngsten Sohn, der ja mit seinem Papa schon oft auf der Biogasanlage war, erspähte ich zunächst beim Einsammeln leerer Gläser für die Getränkebude und später hungrig bei der Stockbrotstation.

Bei Mitarbeiterin Frau Kretschmer gibt es Helium, Luftballons, Buntstifte, Papier und gute Laune.

Rasch schauete ich noch einmal bei den Besichtigungen vorbei. Karl Heine war mit einer Besuchergruppe inzwischen bei der Gas-Übergaberstation angelangt.

Hier wird der Großteil des durch die Mikroorganismen in den Fermentern erzeugten Biogases durch einen Aktivkohlefilter geschickt, heruntergekühlt und an die beiden dezentralen Heizzentralen in den Bioenergiedörfern Krebeck und Wollbrandshausen weitergeleitet. "Es gibt für jede Gärstrecke bzw. für jeden Ort eine Übergabestation", erklärte Karl Heine seinen Begleitern, "es ist aber auch problemlos möglich, mit einer Station beide Orte zu versorgen".

Gas-Übergabestation an die Gasleitungen zu den Bioenergiedörfern (Collage aus 2 Bildern)

Das mit den Heizzentralen wollten viele genauer wissen und begaben sich auf den Weg in unsere beiden Bioenergiedörfer Wollbrandshausen und Krebeck. Da wollte ich ja auch hin! Also nichts wie hinterher!

Am Ausgang der Biogasanlage sehe ich mich plötzlich zwei riesigen Kaltblutpferden gegenüber, die ihre Mähnen schütteln und bei mir Kindheitserinnerungen an Heuernten im Schwarzwald bei meiner Oma wecken. Auf dem Kremser lacht mir auch noch ein bekanntes Gesicht entgegen: 
Der Herr über die starken Pferde hat bei uns doch auch unseren Hausanschluss installiert (Nachzulesen unter "Aktuelles", "Wir bekommen unseren Hausanschluss" in 3 Folgen). Hallo, das ist ein nettes Wiedersehen! Und seine Familie hat er auch mit dabei. Na dann: Auf geht's zu den Heizzentralen - zuerst nach Krebeck.

Kremserfahrten zu den Heizzentralen

In Krebeck freuten sich die Aufsichtsräte Leo Jünemann und Andreas Bulik über jeden Besucher und zeigte allen die aneine Feldscheune angebaute und teilweise darin integrierte Heizzentrale mit zwei Blockheizkraftwerken (BHKW), in denen das von der Biogasanlage angelieferte Biogas verbrannt wird. Mit der daraus gewonnenen Wärme wird Wasser auf 80 °C erhitzt und in die gut wärmeisolierte Ringleitung des Nahwärmenetzes bis hin zu den angeschlossenen Haushalten in Krebeck geleitet. Überschüssige Energie wird ins regionale Stromnetz eingespeist. Möglichen Schwankungen des Wärmebedarfs wird mit Pufferspeichern und einem Spitzenlastkessel Rechnung getragen.

Führung durch die Krebecker Heizzentrale mit Leo Jünemann (3. v. rechts).

Übrigens: Das dezentrale Nahwärmenetz ist für beide Bioenergiedörfer Krebeck und Wollbrandshausen zusammengenommen ca. 10 km lang! Insgesamt sind 260 Haushalte angeschlossen.

Weiter ging meine kleine Kremser-Rundreise. Die Kaltblutepferde zeigten dabei unmissverständlich, dass sie "pro Biogas und Nahwärme" eingestellt sind und ließen etwas von ihrer wertvollen "Biomasse" zurück - wie Pferde das eben so tun. Schließlich sind wir hier im ländlichen Raum. Außerdem ist mir würzige Landluft sowieso lieber, als Chemiedünste!

Biomassespende!

Ich verließ mit einer Runde fröhlicher Bioenergie-Touristen die Heizzentrale in Krebeck mit dem Kremser ...

Heizzentrale Krebeck

... und fuhr von der Biogasanlage aus mit Kind und Kegel im Feuerwehrfahrzeug in die andere Richtung  zur vor Kurzem fertiggestellten und in Betrieb genommenen Heizzentrale im Bioenergiedorf Wollbrandshausen. Die Kaltblute wollten lieber noch einmal nach Krebeck traben.

Nach Wollbrandshausen durfte ich mit den Feuerwehrkameraden fahren.

Friedhelm Döring beantwortet geduldig viele Fragen zur Heizzentrale in Wollbrandshausen.

Auch hier waren bereits neugierige Besucher vor Ort, die von Aufsichtsrat Friedhelm Döring (der sich seine Aufgabe mit Vorstand Thorsten Freiberg teilte) alles über die Heizzentrale wissen wollten. Auch hier verbrennen zwei Blockheizkraftwerke das Biogas und erzeugen Wärme für die Wollbrandshäuser Ringleitung des dezentralen Nahwärmenetzes. Überschüssige Energie wird in das Netz des regionalen Stromanbieters eingespeist. Pufferspeicher hinter dem Gebäude und Spitzenlastkessel ergänzen die Ausrüstung der Heizzentrale sinnvoll.

Zwei Blockheizkraftwerke (BHKW) in der Heizzentrale in Wollbrandshausen (Collage aus 2 Fotos)

Schließlich kehrte ich wieder zur Biogasanlage zurück und schaute mir dort noch rasch das 5. BHKW im Betriebsgebäude an, das für die notwendige Prozesswärme der Fermenter und somit für das Wohlfühlklima der Mikroorganismen sorgt.  Die Biogasanlage besitzt also 5 BHKW, 2 in Krebeck, 2 in Wollbrandshausen und 1 bei der Biogasanlage selbst. Alle 5 BHKW verbrennen im Betrieb zusammen ca. 600 m3 Gas pro Stunde.

BHKW der Biogasanlage

Nun blieb mir noch ein wenig Zeit für einen Kuchen, eine schöne Tasse Kaffee, einen Schwatz mit netten Leuten  und einen Rundumblick nach meinen Lieben. Dann war es endlich soweit:

Die "Raubtierfütterung" begann!
Gott sei Dank sind die "Vielfraße" unserer Biogasanlage nicht lebendig. Sie sind aus Stahl, bleiben, wo man sie hingestellt hat (laufen einem nicht hinterher) und sind reine Vegetarier, die Häckselmais und Ganzpflanzensilage sehr gerne mögen ("Vielfraß": Warenzeichen der Firma AgriKomb). Da sie nicht wirklich aufessen, was man ihnen auftischt, sondern alles nach und nach über eine Förderschnecke an den Fermenter weitergeben, freuen sich dort die Bakterien, dass sie so gut versorgt werden.

Klaus Wibusch füttert seine Vielfraße nicht von Hand, sondern mit dem Frontlader.

Schau-Befüllung des "Vielfraß"- Kontainers mit Häckselmais

Die "Vielfraße" ermöglichen eine fernsteuerbare, kontinuierliche Materialzufuhr in die Hauptfermenter. Sie müssen nur dann wieder mit einem Vorrat an Aufgabegut befüllt werden, wenn sie fast entleert sind.

Ein Blick auf die Uhr ließ mich feststellen, dass der Nachmittag mal wieder viel zu schnell vorbeigegangen ist, denn Karl Heine rief gerade alle Kinder zusammen zum letzten Höhepunkt der Veranstaltung - dem Lufballon-Wettbewerb.

Die Kinder waren begeistert, schnappten ihre Luftballone ....

... und bescherten uns einen wunderschönen Abschluss des Tages der offenen Tür 
auf ihrer und unserer Biogasanlage.

Da fliegen sie hin - und hoffentlich recht weit!

Ob die Kinder am Sonntag  einmal darüber nachgedacht haben, was ihre Eltern und Großeltern da zukunftsweisendes für sie geschaffen haben und wieviel "menschliche Energie" dafür freigesetzt worden ist und immer wieder neu freigesetzt wird? Ob sie sich daran ein Beispiel nehmen und das später genau so tun werden? Wir hoffen es.

Wie hatte es Josef Sorhage zu Beginn dieses Nachmittages doch ausgedrückt:

"Wenn man gemeinschaftlich etwas in die Hand nimmt, kann man große Dinge erreichen."

Recht hat er!

awiso, 5.08.2010